Melbourne. "Ich muss total behämmert sein, ich glaub ich hab mich gerade bewegt." Als Farin Urlaub diese Zeilen verfasste, hatte er wohl eher nicht Melbourne im Kopf. Trotzdem passt es.
Ich sitze in Boardshorts auf dem Sofa in meiner neuen WG im Melbourner Szenebezirk South Yarra und suche nach Wegen die auf fast 40° aufgeheizte Wohnung zu ertragen. Meine Stadt hat Fieber. Sie schwitzt und klebt. Es ist zwei Uhr Mittags, die Sonne brennt auf das Aluminiumdach. Meine Mitbewohner Dylan und Emily sind nicht wesentlich besser an dieses Wetter gewöhnt, Liz ist zu ihrem Freund gezogen, nachdem sie eine fiese Migräne durch das Wetter entwickelt hat. Gemeinsam schauen wir The Art of Flight um uns mental abzukühlen. Dazu trinken wir Smoothies vom Boost-Laden gegenüber. Hilft ganz gut. Dylan hat eine gigantische Film- und Seriensammlung (Natürlich alles legal.), die mich und uns dazu bringt die heißen Tage vorm Fernseher zu verbringen. Klingt bescheuert (Vor allem aus dem kalten Deutschland), ist aber leider nur konsequent. Meine Arbeitszeit beginnt meist von 6 Uhr Abends an und selbst dann ist es noch unmenschlich heiß. Option Strand wird natürlich öfters wahr genommen, geht aber auch nicht jeden Tag. Ich wohne auf der Chapel Street, einer großen Einkaufsstraße in Melbourne. In der Ferne hört man die Autos der Formel 1 ihre Runden ziehen. Die Rennstrecke ist im Albert Park, der vielleicht 1-2km von meinem Haus entfernt ist.
Wie bin ich überhaupt hier her gekommen? Seit dem letzten Blogeintrag ist viel passiert. Sehr viel. Ich war zwischenzeitlich ziemlich am Boden, hab nichts mehr auf die Reihe bekommen, keinen Job, kaum noch Geld, hab sogar den Geburtstag meines Vaters völlig verschlafen.
Angefangen hat alles mit der Jobsuche, nach den schönen ersten Tagen in Mount Martha auf der Mornington Halbinsel bei den Eltern von meinem Kumpel Adam bin ich bei ihm in Brighton in sein Haus eingezogen und hatte einen guten Lauf mit der Jobsuche. Zwei Umzugsunternehmen hatten zum Vorstellungsgespräch geladen, aber ich war, schon wegen meiner Vorqualifikation als Eventmanager viel mehr an dem Job bei einer Eventagentur/Mobilem Barservice interessiert. Ich bekam den Job und sagte den anderen Unternehmen ab. Dann kam nach einer Woche die ernüchternde Nachricht. Ich werde gefeuert. Ich meine, ich habe ja schon gemerkt, dass ich nicht reinpasse. Aber einfach so? Es sei nur ein Trial gewesen. Aber wenigstens werde ich bezahlt. Nunja. Ich werde vertröstet, ich sei schlicht überqualifiziert. Schlimmster Grund um jemanden zu feuern, oder? So stehe ich erst mal ohne Job und ohne Optionen da. Noch reicht das Geld allerdings, zudem wohne ich kostenlos, also: Wird schon.
| Strandhäuser in Mount Martha |
| Aussichtspunkt |
| Blick auf Mount Martha und Mornington |
| Ozeanseite der Mornington Halbinsel |
| Ozean |
| Ozean |
Positiv ist meine Wohnungssituation. Ich ziehe von Adams Haus drei Wochen später in das Haus seiner Freundin Jaz und ihrem Mitbewohner Jimmy ein. Sie haben eine tolle Wohnung im Bezirk St. Kilda, einem Ausgehviertel in der Nähe vom Strand. Hier findet auch das St. Kilda Festival statt, das größte kostenlose Musikfestival in Australien. Ich sehe die australischen Ska-Jazz-Punk-Legenden von Cat Empire, die der Hauptact des eintägigen Musikfestivals sind.
Soweit alles gut. Leider hat die Wohnung kein Internet und keine Waschmaschine. Auch wenn das definitiv First-World-Problems sind, es macht das Leben doch recht umständlich. Trotzdem genieße ich die Zeit in dem Haus. Ich kann dort allerdings auch nur bis Ende Februar wohnen und muss danach eine neue Wohnung suchen, die zu dem auch wesentlich teurer wird. Hier bezahle ich nur einen Freundschaftspreis.
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| St Kilda Festival |
Am selben Abend geht sie auf einen Geburtstag und ich komme spontan mit. Es ist eine nette kleine Party in einem BYO Restaurant (hier darf man seinen eigenen Alkohol mitbringen). Wir verlegen das ganze dann in eine Bar im coolen Norden von Melbourne. Ich feier mit Leuten, die ich noch nie gesehen habe, aber die offene Art der Australier, der Smalltalk und die ganze Easy-Going Atmosphäre macht es zu einem tollen Abend. Meine Geschichten kommen gut an. So lerne ich unter Anderem Sarah und Michelle kennen.
Ich kann unheimlich viel erzählen; wo ich her komme, wie ich hier bin, erzähle von Kanada und schließlich Australien. "Kein so guter Start bisher. Ich suche dringend nach einem Job." Die beiden gucken sich kurz an. Grinsen. "Hast du Büroerfahrung?" "Uhm, ja, ich habe fast vier Jahre in einem Büro in Berlin gearbeitet." "Wir könnten dir vielleicht einen Job in der Dateneingabe besorgen. Ist zwar langweilig, aber macht ja nichts."
Die beiden arbeiten für die große, weltweit tätige Zeitarbeitsfirma Hays, die Arbeitgebern Arbeitnehmer zuteilt. Ich tausche Nummern aus und glaube eigentlich nicht so richtig daran, dass es klappt. Montag soll ich anrufen. Ich tue wie mir geheißen, werde ins System aufgenommen und bekomme direkt mein erstes Placement für ein paar Tage. Mit dem Dateneingabejob hat es bisher leider nicht geklappt. Trotzdem kam ich mit der Hilfe der Beiden auf die Liste, die Work-and-Travellern eigentlich vorbehalten wird und hatte insgesamt zwei Assignments für zwei Wochen. Bei einem stattlichen Stundenlohn von 26$ und 28$ machte das eine erhebliche Lockerung meines Reisebudgets aus.
Bis das ganze allerdings ins Rollen kommt, gehe ich in dieser Woche noch einmal auf Jobsuche. So laufe ich die Flinder's Street runter, komme am Aquarium ("Sorry, die Saison ist fast vorbei.") und an ein paar Bars vorbei ("Hast du die Alkohol-Ausschank-Lizenz?") und komme schließlich bei Nando's und Domino's an, die direkt nebeneinander sitzen. Ich entscheide mich zuerst bei Domino's reinzugehen, Jani und Jannik, meine Mitstreiter aus Vancouver hatten ja bei denen problemlos einen Job bekommen. So frage ich "Braucht ihr noch Mitarbeiter?" "Ja. Du bist angestellt."
Ich brauchte nicht einmal meinen Lebenslauf auspacken. Der freundliche junge Mann aus Indien lässt mich in den Mitarbeiterbereich, nimmt meine Daten auf und sagt dann "Du musst mir aber etwas versprechen. Wir haben dieses bescheuerte Onlinetrainingssystem. Bitte füll' es aus und bitte bitte komm zurück." Etwas irritiert mache ich mich auf den Heimweg. Er hatte nicht untertrieben. Das System IST bescheuert. Ich brauche original SECHS STUNDEN, bevor ich alle Tests bestanden habe. Am Computer. Für jemanden ohne Internetzugang eine echte Zumutung. Lange Texte und Multiple Choice Fragen. Am Schluss klicke ich mich nur noch mit dem altbewährten Trial and Error System durch die Tests. So bekomme ich den Job, meine ersten Schichten am Ende der Woche und war dann bin ich plötzlich jeden Tag am arbeiten. Kurve bekommen.
Die nächsten Wochen, bis gestern, verlaufen im Autopilot. Teilweise arbeite ich Doppelschichten für Hays und Dominos, die beste/anstrengenste mit mehr als 70h in einer Woche. Ich schlafe viel, wenn es geht, hänge herum, spiele Computerspiele, gehe laufen. Inzwischen spiele ich wieder Lacrosse, allerdings nur einmal die Woche. Meine Routine verläuft nach Schema F. Aufwachen, rumhängen. Dann was auch immer, einkaufen gehen, Wäsche Waschen, Sport oder halt mehr rumhängen. Danach, wieder rumhängen. Dann zu Dominos, arbeiten, heim, schlafen, von Vorne.
Bei Dominos fahre ich Pizza aus. Den Scooter darf ich nach späten Schichten auch zum Heimfahren benutzen. Es gibt eine kostenlose Pizza pro Schicht und einen Softdrink. Ich muss höllisch aufpassen nicht wieder zuzunehmen. Das wird wohl unausweichlich passieren. Nunja. Die Arbeit ist hart. Scooter fahren verlangt einem einiges ab, zumindest wenn man es für 6-8-10h am Stück macht. Man läuft zudem lange Strecken, muss Pizza und Flaschen tragen. Wesentlich anstrengender als man sich es vorstellen würde. Außerdem ist es ja wie gesagt heiß, bis spät in die Nacht. Gibt es keine Pizzas zum ausliefern wird im Laden geholfen. Möglichst ohne zu trödeln. Abends hat die Crew eine Stunde Zeit zum aufräumen. Sollte man dann nicht fertig sein, wird weitergearbeitet, aber nicht bezahlt. Das heißt es wird gehetzt. Dann fällt man tot ins Bett.
Wesentlich einfacher ist die Arbeit für Hays. Ich arbeite für zwei Ministeriumsbüros und muss alles Mögliche Machen. Es ist einfache Büroarbeit, viel Archivierung, Papier shreddern und Briefe frankieren. Der Stundenlohn motiviert jedoch. Die Mitarbeiter sind nett. Es macht Spaß.
Zwischendurch suche ich eine neue Unterkunft. Da ich noch keinen richtigen Zeitdruck habe versuche ich es zunächst auf die faule Art. Ich setze eine Suchanzeige bei Gumtree auf. Anscheinend läuft das mit dem Selbstverkaufen mittlerweile. Ich krieg 5 Antworten, schaue mir drei Wohnungen an und entscheide mich am Schluss für einen Traum von einer Wohnung. Diese Wohnung. Über der Chapel Street. Ein Loft, riesiges Wohnzimmer, zwei Dächer, auf denen man beim Sonnenuntergang sitzen kann und super nette Mitbewohner. Wir kochen oft oder schauen Filme und Serien.
| Ich |
Montag fahre ich für drei Tage zurück auf die Mornington Halbinsel. Und dann geht es noch ein paar Wochen weiter mit arbeiten, Geld sammeln und dann auf eine große Tour durch Australien, bevor es fast schon wieder nach Hause geht. Unglaublich, dass dann bald ein Jahr rum ist.


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