Wer traveln will muss auch worken können. Nach den zwei mehr oder weniger entspannten aber vielmehr unglaublich spannenden Monaten in Südafrika und im Wilden Westen der USA hieß es beim Betreten des Flugzeugs nach Kanada Abschied nehmen von meinem aufregenden Leben als Reisender. Ich muss mich kurz niederlassen und arbeiten, um mir den nächsten Teil der Reise leisten zu können. Ein bisschen sentimental schaue ich mir die vielen Fotos an, die bisher entstanden sind, schreibe Tagebuch und höre mir weitere Alben von Dream Theater an, die definitiv den Soundtrack zu meiner Reise gemacht haben. Diesmal ist es A change of Seasons auf der gleichnamigen EP. Mit Musik, in der man sich verlieren kann, sitze ich in meinem komfortablen Sitz am Notausgang. Draußen sehen die rosafarbenen Wolken aus, als hätte jemand eine riesige, kuschelige Decke aus Zuckerwatte ausgebreitet. Hier und da, wird diese von einem Berg durchstoßen, auf dessen Gipfel Schnee liegt. Am Horizont erhebt sich ein gelber Dreiviertel-Mond über ihnen. A change of Seasons, weg vom Reisen, zum Leben und Arbeiten, raus aus dem Sommer in den Herbst von Kanada.
Die ersten zwei Tage habe ich mich jedoch mit meinem Kindergartenkumpel Hauke, der vor 15 Jahren mit seiner Familie nach Kanada ausgewandert ist, zum Surfen auf Vancouver Island verabredet. Durch Verzögerungen bei meinen Flügen, Langer Wartezeit am Visa-Schalter und Problemen mit dem Geldautomat verpasse ich den letzten Bus zum Fähren-Terminal. So muss ich mir spontan mit einem anderen Gestrandeten ein Taxi teilen und kläre dadurch meinen ersten Kontakt für einen Job; so einfach kann es gehen.
Die BC-Ferries Fähren verbinden Vancouver Island als einzige zuverlässige Verbindung, neben Flugzeugen, mit dem Festland. Auch fast der gesamte Handel läuft über sie und so verlassen auch einige große LKW die Landungsbrücken. Die Überfahrt dauert knappe zwei Stunden und ich werde in Duke Point/Nanaimo mit dem Auto abgeholt. Von dort geht es am nächsten Tag aus nach Tofino.
In Tofino, einem Hippie- und Surferort nordwestlich von Nanaimo, verbringen wir zwei Tage mit Surfen (Mittlerweile eine kleine Leidenschaft von mir) im eiskalten Pazifik. Hinterm Strand fangen bereits die Nadelwälder an und im Hintergrund erheben sich die mächtigen Berge von Vancouver Island. Die Insel ist übrigens sehr groß. Auch wenn man (bzw. ich) zunächst etwas anderes vermutet. Das kleine Stück auf der Karte von Ladysmith/Nanaimo nach Tofino dauerte knappe vier Stunden mit dem Auto.
| Tofino, Strand |
Abends bekomme ich eine Einführung in die kanadische Ausgehkultur. Bier ist teuer (Six-Packs mit Bier gibt es ab 10$), Bars sind (vor allem hier) rar, unter 21 (bzw. ohne Ausweis) kommt niemand in Selbige; die meisten Jugendlichen unter 21 besitzen einen gefälschten Ausweis. Das Herumtragen offener Behälter, die alkoholische Flüssigkeiten beinhalten, ist ein öffentliches Ärgernis und wird heftig bestraft. Darauf wird auch tatsächlich geachtet, so müssen wir unser Bier vor der lokalen Polizeistreife verstecken, die im 10min-Takt das Dorf umkreist.
Geht man in eine Bar lernt man schnell Leute kennen, denn die Leute reden miteinander. Etwas befremdlich für mich aus dem wir-ignorieren-uns-lieber-und-starren-an-die-Decke-bevor-wir-mit-einem-Wildfremden-ein-Wort-wechseln Deutschland. Trotzdem gefällt mir das hier auf Anhieb sehr gut. Das gilt ebenso für kurze Gespräche mit Kassierern, im Aufzug, sogar auf der Straße. Ein kurzes "How's it going? - Good, yourself? - Good!" und das Eis ist gebrochen. Prima Sache!
Geht man in eine Bar lernt man schnell Leute kennen, denn die Leute reden miteinander. Etwas befremdlich für mich aus dem wir-ignorieren-uns-lieber-und-starren-an-die-Decke-bevor-wir-mit-einem-Wildfremden-ein-Wort-wechseln Deutschland. Trotzdem gefällt mir das hier auf Anhieb sehr gut. Das gilt ebenso für kurze Gespräche mit Kassierern, im Aufzug, sogar auf der Straße. Ein kurzes "How's it going? - Good, yourself? - Good!" und das Eis ist gebrochen. Prima Sache!
| Wunderschönes Vancouver Island |
Am Montag mache ich mich dann auf den Weg zurück nach Vancouver. Für die erste Woche wohne ich im Hostel, aber da mir das Geld langsam ausgeht, brauche ich so schnell es geht eine Wohnung. Es sind noch einige Work&Traveller aus aller Welt (Aber vor allem aus Deutschland und Australien) in dem Hostel und ein paar von uns beschließen gemeinsam eine Wohnung zu mieten.
Zunächst checke ich jedoch alleine den Wohnungsmarkt aus und bin etwas entsetzt. Die Wohnungen in Vancouver sind unglaublich teuer, die günstigste Wohnung ist für knappe 350 CAD zu haben; sie ist um die Ecke vom Hostel und das Zimmer hat keine Fenster. 10 Leute teilen sich ein Bad und die Küche ist versifft. Ich kontaktiere mehrere WGs, doch auch bei den folgenden Vorstellungsgesprächen ist immer irgendetwas so komisch, dass ich das Zimmer nicht möchte. Beispielsweise hätte ich ein Zimmer in einem Haus haben könnte, dass ich mir ansonsten mit einer philippinischen Familie geteilt hätte. Für 450 CAD. Ausserdem liegen die, die ich mir anschaue, etwas zu weit ab vom Schuss.
Zunächst checke ich jedoch alleine den Wohnungsmarkt aus und bin etwas entsetzt. Die Wohnungen in Vancouver sind unglaublich teuer, die günstigste Wohnung ist für knappe 350 CAD zu haben; sie ist um die Ecke vom Hostel und das Zimmer hat keine Fenster. 10 Leute teilen sich ein Bad und die Küche ist versifft. Ich kontaktiere mehrere WGs, doch auch bei den folgenden Vorstellungsgesprächen ist immer irgendetwas so komisch, dass ich das Zimmer nicht möchte. Beispielsweise hätte ich ein Zimmer in einem Haus haben könnte, dass ich mir ansonsten mit einer philippinischen Familie geteilt hätte. Für 450 CAD. Ausserdem liegen die, die ich mir anschaue, etwas zu weit ab vom Schuss.
Mit der Jobsuche läuft es ähnlich unbefriedigend. Ich halte mich an die Tipps, die ich von den anderen bekomme. Resumé (Lebenslauf) ausdrucken, durch die Stadt laufen, in Läden abgeben, auf Rückruf warten. Ich klappere ca. 20 Läden ab, habe 5 sehr vielversprechende "Interviews" vor Ort. Trotzdem wird es nichts, bis heute habe ich nicht einen Anruf bekommen. Nebenher schaue ich Angebote auf Kijiji und Craigslist durch. Zwischendurch packt mich schon leicht die Panik, wenn ich mit dem linken Auge aufs Konto schiele und merke, wie die Tage vergehen. Andere sind schon wochenlang im Hostel und bekommen keine Jobs, aber die haben meistens noch genug Ersparnisse.
| Fährenterminal Departure Bay im Norden von Vancouver |
Zwischendurch schaue ich mir ein bisschen die Stadt an, liege am Strand, besorge mir ein Fahrrad (ähnlich überlebenswichtig wie in Berlin) und ich trete den Vancouver Barbarians bei, einem Feld Lacrosse-Team in der Kanadischen Feld-Lacrosse Liga West. Lustigerweise kennen sich Leute von meinem Heimatteam Berlin Lacrosse und dem Team von Vancouver. Die (Lacrosse) Welt ist doch recht klein. Das Training läuft gut, ich bin zwar einer der schlechtesten Spieler, kann mich aber ganz gut behaupten. So wird mir angeboten in der Liga mitzuspielen und ich kriege noch einen guten Kontakt für sporadische Arbeitseinsätze auf dem Bau.
Einmal gehe ich mit Leuten aus dem Hostel abends in einen Park in der Nähe des Hafens von Vancouver, in dem ein Open-Air stattfinden soll. Auf einem Pier haben sich hunderte Leute versammelt, mit Generatoren wird Musik gemacht, getanzt und gefeiert. Man hat einen tollen Blick auf die Stadt, Grouse Mountain und den Hafen, die hell erleuchtet in der Nacht scheinen. Nur die Polizei findet das ganze eher unlustig und löst die Party um 11 auf. Wohlgemerkt, es reicht ein (!) Polizeiauto mit vier Polizisten, die nicht mal aus dem Wagen aussteigen, um alle Leute zum gehen zu bewegen. Kanada ist doch irgendwie anders!
Meinen ersten Job bekomme ich über Craigslist am Freitag und Samstag, nach 4 Tagen im Hostel, auf einer Baustelle bei einem sogenannten Contractor mit Namen Barry. Dieser besorgt sich Aufträge von Firmen oder Privatleuten und stellt Tagelöhner an. Mein Job besteht darin die Teile einer Betonmauer wegzutragen, die er mit Presslufthammer und Betonsäge abgetragen hat. Später verpflanze ich noch Bäume und mische Beton an. Dazu gibt es Kaffee, Mittagessen und abends ein Bier. Da bin ich ziemlich froh, dass ich in meiner Kindheit und Jugend bei meinem Opa und meinen Eltern so viel in Sachen Gartenarbeit und Heimwerken gelernt hab, von dem ich nie gedacht habe, es einmal gewinnbringend Nutzen zu können. Danke dafür!
In der Mittagspause gibt es einige Geschichten über Vancouver zu hören. Vancouver wird auch als das nördliche Hollywood bezeichnet (Supernatural wird zum Beispiel komplett hier gedreht und direkt neben unserem Hostel war das Set zum neuen Metallica Video. Leider glänzten diese durch Abwesenheit.); das Viertel in dem wir arbeiten ist vollgepackt mit kleinen Filmstudios, Schauspielschulen, Modellwerkstätten und allem anderen was man für Filme braucht. Barry erzählt viel über Vancouver, über die Armut und Obdachlosigkeit, die gerade grassiert und gerade in der Gegend East Hastings sichtbar wird, in der tagsüber hunderte verwahrloster Obdachloser betteln, gestohlene Waren verkaufen, Drogen nehmen (Ich sehe beim vorbeifahren einen jungen Mann, der einem anderen einen Schuss hinters Ohr setzt), mit einer Aids/HIV Rate von um die 80%. Etwas ähnliches habe ich übrigens noch nie, nicht mal in den Slums in Afrika, gesehen. Und das schlimme ist, dass es direkt neben der Waterfront und den Touristengegenden ist. So sieht man das Elend und geht dann zurück in das schöne Hotel (oder das nicht so schöne, aber immernoch wesentlich bessere Hostel).
Er erzählt über Gangkriege der Vergangenheit, in die er und sein Kollege Sam verwickelt waren, dass man schon mal schießen musste um nicht selbst erschossen zu werden. In dem Fall waren es italienische und chinesische Gangs. "Heute ist das aber fast vorbei" sagt er und grinst. Überhaupt gibt es hier unheimlich viele Minderheiten. Der Anteil der Chinesen alleine liegt bei 29%! Die First Nations (sprich Indianer) rausgerechnet (!) hat Vancouver einen "Minderheitenanteil" von 47,1%.
Nach zwei Tagen ist es wieder vorbei mit meiner Arbeitnehmerzeit. Barry ist aber begeistert von mir und meiner Arbeitsweise, so dass ich am Schluss sogar zwei Stunden on Top bezahlt werde. Er will mir weiter Arbeit geben, allerdings erst in zwei-drei Tagen. Doch ich habe schon ein weiteres Vorstellungsgespräch (mal wieder über Craigslist), diesmal bei einer Umzugsfirma. Er gibt mir seine Handynummer, die ich dort als Referenz angeben soll.
| Spielplatz, Hafen, im Hintergrund Grouse Mountain |
Dann geht alles innerhalb von zwei Tagen. Wir schauen uns eine Wohnung an und beschließen direkt einzuziehen. Ich ziehe mit den zwei Deutschen Jannik und Jani, sowie dem Schotten Finlay in eine geräumige Kellerwohnung in South Cambie ein, wir kriegen einige Möbel von unserem sehr zuvorkommenden Landlord gestellt. Nach und nach bekommen wir Matratzen, Tische und alles andere kostenlos gebracht. Gebrauchtes Zeug, natürlich über Craigslist. Die Krönung ist, dass wir noch vor richtigen Betten einen Kickertisch (die hier übrigens lustigerweise Foosballtable heißen) besorgen. Auch kostenlos, auch über Craigslist.
Mein Vorstellungsgespräch bei der Umzugsfirma läuft problemlos und so habe ich jetzt meine erste richtige Anstellung hier. Mit 15 CAD/ Stunde deutlich über Mindestlohn und mit hoffentlich genug Stunden, damit ich meine nächsten Etappen bezahlen kann! Nächste Woche ist der erste Spieltag in der Lacrosseliga.
Viel besser hätte mein Start in Vancouver dann doch vermutlich kaum laufen können!
Fotos gibt es übrigens noch nicht so viele, ich hatte eher andere Dinge zu tun bisher. Aber da ich noch ein bisschen hier bin, werden die wohl früher oder später nachgeliefert!
Hier noch ein paar Tipps für Leute, die selbst einmal Work & Travel in Vancouver bzw. generell einmal ausprobieren wollen:
- Es sind viele arbeitswillige Reisende hier (und vermutlich auch an allen anderen Hotspots, wie z.B. überall in Australien). Zum einen heißt das, die Einwohner hier sind Work & Traveller gewöhnt, es gibt generell Jobs und man findet auch schnell Leute in der gleichen Situation. Zum anderen aber auch natürlich Konkurrenzkampf. Wer im richtigen Moment kommt, bekommt den Job.
- Hostels sind ein guter Start um einen Überblick über Stadt, Land und Leute zu bekommen; Couchsurfing wäre natürlich mein Favorit gewesen, aber darum muss man sich hier recht zeitig kümmern, da es nur wenige verlässliche Angebote gibt.
- Hostels sind ein guter Start um einen Überblick über Stadt, Land und Leute zu bekommen; Couchsurfing wäre natürlich mein Favorit gewesen, aber darum muss man sich hier recht zeitig kümmern, da es nur wenige verlässliche Angebote gibt.
- Thema Resumé. Selbiges ist überlebenswichtig. Folgende Tipps hätten mir gut weitergeholfen.
- Einseitiges Resumé! Gute Formatierung (In USA und Kanada wird nicht die DIN-Norm verwendet. Word hat eine entsprechende Einstellung!)
- Man sollte früh entscheiden, was man machen möchte und sein Resumé ein bisschen daraufhin anpassen.Gegebenenfalls mehrere Resumés für verschiedene Branchen anfertigen. Warum? Ich habe ein gutes Resumé. Ich habe es von Freunden, die seit Jahren in der amerikanischen Wirtschaft arbeiten, gegenchecken lassen. Trotzdem hat es ewig gedauert bis ich einen Job hatte. Denn:
- Man bekommt in einem Café eher einen Job, wenn man schon mal in einem Café gearbeitet hat. Soweit so logisch. Meine Meinung ist aber, dass jemand, der an einer Bar oder einer Rezeption gearbeitet hat, den Job nach kurzer Einarbeitung genauso gut machen kann. In dem Fall würde ich bspw. das Praktikum an der Hotelrezeption in einen Nebenjob in einem Café umändern. Das ist kaum gelogen, bietet aber deutlich bessere Chancen auf eine Anstellung.
- Gleiches gilt für Umzugshelfer, Malerjobs und Baustellen. Die Helferjobs sind im Prinzip immer die gleichen, nämlich Schleppen, schleppen, schleppen.
- Hat man Erfahrung in einem speziellen Bereich (Für mich gilt das zum Beispiel beim Thema Zeltbau), kann man einfach einen Nebenjob erfinden und auf dem Resumé angeben. Für diesen Fall bspw bei einem Eventveranstalter. Nicht nachzuprüfen, Erfahrung ist vorhanden, wo ist das Problem. Einfach ein bisschen kreativ sein, das erspart viel Frustration!
- Das Thema Moral sollte man dabei ein bisschen untergraben und das Egoschwein ein bisschen füttern. Die Anforderungen für die teils banalen Jobs sind meiner Meinung nach viel zu hoch und solange die Einstellung zum Job und auch zum Lernen neuer Dinge stimmen, sind die Arbeitgeber meistens freundlich und gut gestimmt.
- Über den Gartenzaun vom Tellerrand drüberklettern: Praktikum in einer
Apotheke gemacht? Warum nicht dort als Kassierer arbeiten. Sämtliche
Läden brauchen von Zeit zu Zeit Stundenpersonal. Sämtliche. Tankstellen,
Liquor-Stores, Bars, Reisebüros. Einfach ausprobieren.
- Am Ball bleiben. Klappt es beim 20. Job noch nicht, klappt es beim 21.
- Mehr Geld einplanen. Ihr braucht es. Trotzdem ein Limit setzen. Hostel macht Spaß, abends ein Bierchen und Kickern auch; damit lässt sich gut ein Monat verbringen (Ich habe nicht nur einen getroffen, der das geschafft hat!) Ein Monat im Hostel kostet allerdings auch gleich stolze 900 CAD!

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