Montag, 15. Oktober 2012

Working and traveling



Vancouver. Nach einer ersten, für meinen Geldbeutel wirklich guten, Woche bei dem Umzugsunternehmen in Richmond fahre ich mit meinen Mitbewohnern Jannik und Jani, sowie Andrea, die für ein paar Tage bei uns eingezogen ist, per Mietwagen nach Seattle.
Seattle, die Hafenstadt im Nordwesten der USA ist Vancouver ziemlich ähnlich. Relaxte Atmosphäre, Studenten, ein bisschen schmuddelig, viele Obdachlose. Genau die Mischung aus Warmherzigkeit und rauem Pflaster, die eine Stadt so interessant macht. Wir verbringen zwei Nächte in einem tollen Hostel in Downtown, direkt neben dem Public Market Center, dessen Neonreklame eines der wichtigsten Fotomotive der Stadt ist. Mein Wissen über Seattle beschränkt sich auf den Namen und das Vorhandensein der Space-Needle, einem Weltausstellungsüberbleibsel, wie man es aus so vielen Städten kennt. Auf einer kostenlosen (bzw. Trinkgeld-basierten) Stadtführung, führt uns unser klasse Tour-Guide durch seine Stadt. Er hat das Konzept dieser kostenlosen Touren aus Osteuropa geklaut, wo es prima funktioniert. Ich habe solche Touren vorher in Prag und Barcelona mitgemacht und war jedes Mal begeistert. Neben besagtem Markt gibt es in Seattle schöne Stadtviertel, alte Kaugummis (die auf eine Wand geklebt sind) und eine nette Waterfront mit einem brandneuen Riesenrad zu sehen (hinter der sich direkt ein baufälliger, zweistöckiger Betonhighway erhebt, der zum Glück bald abgerissen wird). Wirklich spannend ist nichts davon, aber den Gesamteindruck der Stadt kann es nicht täuschen. Seattle macht uns viel Spaß. Während unseres Besuchs findet das jährliche Kunst und Musik-Festival Decibel statt. Aus Budgetgründen (und auch, weil die meisten Künstler den Youtube-Test nicht überstehen) besuchen wir nur einen Auftritt von einer Elektro-Hip-Hop-Pop-Kombo mit einer tollen Frontsängerin. Dem und dem billigen amerikanischen Bier geschuldet, wird es ein mehr als gelungener Abend.
Am kommenden Morgen besorgen wir uns dann auf dem besagten Markt frische Zutaten für ein angemessenes Essen. Ein paar Kochtricks später und wir können Regenbogenforelle Müllerin Art, angebratene Jakobsmuscheln und Shrimps, sowie Ruccolasalat mit Mango und Orangen und frisches Brot genießen. So gut haben wir alle seit Wochen nicht gegessen.
Mit einem leckeren Starbucks-Kaffee (Kommt übrigens aus Seattle), fahren wir wieder nach Kanada zurück. Bei Walmart decken wir uns mit allem ein, was es in Kanada nur teurer gibt (Bier, Käse, Wurst, Schokolade, Zahnpasta, Shampoo etc) und kommen trotzdem unbehelligt über die Grenze. Voller Erfolg!

A Glimpse of Seattle

Public Market Center Seattle

Wir kommen Donnerstag spät abends wieder in Vancouver an. Bei meinem Job im Umzugsunternehmen ist es so: Bekommt man keine Zeit für den nächsten Tag gesagt, muss man morgens anrufen. Freitag und Samstag versuche ich es. Montag und Dienstag gibt es wieder Arbeit. Mittwoch, Donnerstag und Freitag wieder nicht. Samstag bis Montag ist Thanksgiving Wochenende. Dank dem Trip nach Seattle ist mein Budget leider ziemlich geschrumpft und die Aussicht, dass ich bald schon Kanada wieder den Rücken kehren werde macht das ganze nicht besser. Das sind die Tage, an denen man merkt, dass Reisen nicht immer lustig ist. Schon gar nicht, wenn man auf das Geld anderer Leute angewiesen ist.

Und da ich schon in Kanada bin, will ich natürlich auch noch was vom Land sehen und nicht nur hier arbeiten. So habe ich schon einen Rückflug von Toronto nach Vancouver gebucht, ich muss jetzt also nach Toronto, sonst verfällt dieser. Ich fange an zu überlegen, wie ich möglichst günstig das Land erkunden kann. Fliegen kostet knappe 300$ für eine Strecke. Greyhound-Bus ist ähnlich teurer und braucht wesentlich länger – Eine Strecke ca. 2,5 Tage. Was bleibt da noch? Mitfahrzentralen gibt es nicht (außer Craigslist, wird aber auch eher sporadisch genutzt).

Als ich Donnerstagmorgen, nachdem ich erfahren habe, dass ich nicht arbeiten muss so im Wohnzimmer sitze packt mich die Verzweiflung. So fasse ich eine Kurzschlussentscheidung. Morgen fahre ich nach Kelowna, suche mir für ein, zwei Wochen einen Job auf den Weinplantagen. Ab Ende des Monats gibt es wieder mehr Arbeit bei dem Umzugsunternehmen. Soweit so gut, aber wie komme ich nach Kelowna? Es sind immerhin 5 Stunden mit dem Auto. Wie wär es denn per Anhalter?

In unserer Bude liegt eine Karte von Westkanada (Lange Geschichte ganz kurz: Dagelassen von den beiden Kanadierinnen Andrea und Emily – Mit Andrea habe ich bei Camp Adventure in Deutschland gearbeitet; sie kamen kurz zu Besuch vorbei und wir haben einen kleinen Ausflug nach Whistler gemacht!). 
Mit der Karte, Stift und Pappschild bewaffnet fahre ich um 9 Uhr morgens los. Erst einmal im Skytrain bis nach Surrey, von dort mit dem Bus bis zu einer Highwayauffahrt – Laut dem „Hitchhiker’s Guide to Hitchhiking“ die beste Möglichkeit mit einem Daumen ostwärts aus dem Großraum Vancouver herauszukommen. Mir gehen tausend Sachen durch den Kopf. Per Anhalter fahren ist etwas anderes hier als zu Hause, aber ein bisschen Angst habe ich schon. Mit großen Buchstaben schreibe ich „Hope“ und „Kelowna“ auf mein Schild. Hope ist laut Karte der nächste größere Ort. Eine halbe Stunde und tausend Autos später ändere ich mein Schild. Auf ein weißes Blatt schreibe ich nur „Hope“ drauf. Hoffnung. Ein bisschen bescheuert muss es schon aussehen, wenn da jemand an der Straße steht mit einem Schild, auf dem Hoffnung steht. Der Gedanke bringt mich zum grinsen. So müssen sich also die ganzen Obdachlosen fühlen. Eine weitere halbe Stunde später passiert immer noch nichts. Immer wieder spiele ich mit dem Gedanken aufzugeben.
„Hey kid, do you need a lift?” Auf dem Parkplatz nebenan fragt mich ein etwa Vierzigjähriger, ob ich mit ihm mitfahren will. Er will nur bis Mission, ca. 50km weiter. Ich nehme dankend an und unterhalte mich mit ihm während der Fahrt. Er ist selbst früher viel per Anhalter gefahren und versteht meine Situation gut. Nach einer halben Stunde hält er am Highway an und ich klettere aus dem Pickup. Er gibt mir sogar seine Visitenkarte, sollte ich von hier nicht weiter kommen. Jetzt stehe ich tatsächlich auf dem Seitenstreifen eines Highways. Ich halte mein Schild hoch und denke über tausend Dinge nach. Von hier komme ich definitiv nicht mehr ohne Hilfe zurück. Außerdem ist es ein verdammter Highway, es ist verdammt gefährlich was ich hier mache. Was sind das für Leute die mich mitnehmen? Sollte ich mir über Kidnapping Gedanken machen?
Nach einer Stunde warten (und noch einmal guten tausend Autos) hält ein weißer Pickup an. Ein junger Mann, auch ehemaliger Anhalter, bringt mich ein gutes Stück weiter - bis nach Hope. Es ist mittlerweile 15 Uhr. Ich schöpfe – haha – Hoffnung: (was bleibt mir auch übrig – worauf hab ich mich hier eigentlich eingelassen!?).
Als er mich in Hope rauswirft, setze ich mich kurz ins Gras, esse mein letztes Sandwich und trinke ein bisschen Wasser. Die Autos rasen vorbei, es ist sonnig und die Aussicht ist jetzt schon wunderschön. Es riecht nach Nadelwäldern. Sobald man  aus Vancouver rauskommt sind überall Berge, Nadelbäume und es sieht nach Kanada aus. Hinter mir steht nun auf einem großen freundlichen Schild „Hope“. Nettes Motto für mein kleines Erlebnis hier. Endlich bin ich wieder unterwegs. 

HOPE
Ich stehe sage und schreibe 10 Minuten bis zu meinem nächsten Ride am Seitenstreifen. Eine serbische Masterstudentin aus Edmonton hält an. Ihr Ziel ist eigentlich das südlich von Kelowna gelegene Pentincton, aber sie ändert kurzerhand ihre Route und fährt über den nördlichen Highway und direkt über Kelowna. Ich kann mein Glück kaum fassen. Draußen bleibt die Landschaft vielfältig. Berge heben und senken sich, zwischen den vielen grünen Nadelbäumen setzen sich Tupfer aus gelben und roten Bäumen, felsige Abschnitte, schneebedeckte Gipfel. Jeder Hügel sieht unwirklicher aus als der vorherige. Gerodete Wälder, Flüsse, als Familienvans getarnte Polizeifahrzeuge. Endlich Kanada.
Wir reden viel über Europa, Kanada, Studium und Reisen. Sie nimmt das Jahr Auszeit und hat den abgefahrensten Job, von dem ich bisher gehört habe. Sie ist Kellnerin in einem Ölfeld, weit im Norden. Nur Männer, sie und sie verkauft Alkohol. Es scheint sich zu lohnen. Für das halbe Jahr rechnet sie mit 100.000$.
Trancemusik, extremer Metal, sowie 60s Lovesongs kommen aus ihrem Radio. Es ist völlig unwirklich. Ein Rosenkranz hängt am Spiegel. „Are you catholic?“ Sie lacht und verneint. Sie ist unreligiös, der Rosenkranz ist ihre Diebstahlsicherung, sowie gedacht um einen guten Eindruck zu machen wenn sie von einem Polizist angehalten wird. Zwei Stunden später kommen wir in Kelowna an. Wir tauschen noch kurz Facebookdaten aus und dann mache ich mich zu Fuß auf den Weg zu meinem Hostel.
Die 30$ für das Hostel sind nach den 2,50$ für den Skytrain meine erste und letzte Ausgabe für den Tag. Ich fühle mich unglaublich gut, endlich mal wieder ein (kleines) Abenteuer. Im Hostel lerne ich ein paar Jungs aus Vancouver kennen, die für das lange Wochenende in Kelowna sind. Zusammen mit ihnen fahre ich am nächsten Tag auf ein paar Weingüter um Touren und Weinproben zu machen, aber vor allem (für mich) um nach Jobs zu schauen. 

Weingut. Aber kein Wein. Offensichtlich.

Okanagan Valley

Okanagan Valley

Floating Bridge

Okanagan Lake
Das ganze läuft aber dann leider nicht gut. Es wäre ja auch zu schön um wahr zu sein gewesen. Jobs mit der Möglichkeit zur Übernachtung auf der Farm gibt es nicht mehr. Diese Crews sind längst zusammengestellt. Hat man seinen eigenen Wagen und eine eigene Unterkunft kann man jedoch jederzeit aushelfen. Nunja. Meine Enttäuschung ist zwar groß, aber insgeheim bin ich doch froh, eine gute Ausrede für mich zu haben, nicht hier auf einer Farm zu bleiben.
Wir gehen noch wandern und spielen im Park Frisbee. Die Okanagan-Valley ist unglaublich schön und Kelowna ist ein gepflegtes Touristenparadies. Am nächsten Tag nehmen mich die drei Jungs mit nach Vancouver zurück. Trotz allem ein tolles Wochenende.

Leider stehe ich jetzt wieder vor der gleichen Situation wie vor dem Wochenende. Wenn ich morgen früh wieder anrufe und keinen Job bekomme, muss ich mir definitiv was einfallen lassen. Die Uhr tickt. Und das nervt. Das nervt gewaltig!


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