Vancouver. Nach
einer ersten, für meinen Geldbeutel wirklich guten, Woche bei dem
Umzugsunternehmen in Richmond fahre ich mit meinen Mitbewohnern Jannik und Jani, sowie Andrea, die für ein paar Tage bei uns eingezogen ist, per Mietwagen
nach Seattle.
Seattle, die Hafenstadt im
Nordwesten der USA ist Vancouver ziemlich ähnlich. Relaxte Atmosphäre,
Studenten, ein bisschen schmuddelig, viele Obdachlose. Genau die Mischung aus
Warmherzigkeit und rauem Pflaster, die eine Stadt so interessant macht. Wir
verbringen zwei Nächte in einem tollen Hostel in Downtown, direkt neben dem
Public Market Center, dessen Neonreklame eines der wichtigsten Fotomotive der
Stadt ist. Mein Wissen über Seattle beschränkt sich auf den Namen und das Vorhandensein
der Space-Needle, einem Weltausstellungsüberbleibsel, wie man es aus so vielen
Städten kennt. Auf einer kostenlosen (bzw. Trinkgeld-basierten) Stadtführung,
führt uns unser klasse Tour-Guide durch seine Stadt. Er hat das Konzept dieser
kostenlosen Touren aus Osteuropa geklaut, wo es prima funktioniert. Ich habe
solche Touren vorher in Prag und Barcelona mitgemacht und war jedes Mal
begeistert. Neben besagtem Markt gibt es in Seattle schöne Stadtviertel, alte
Kaugummis (die auf eine Wand geklebt sind) und eine nette Waterfront mit einem
brandneuen Riesenrad zu sehen (hinter der sich direkt ein baufälliger,
zweistöckiger Betonhighway erhebt, der zum Glück bald abgerissen wird).
Wirklich spannend ist nichts davon, aber den Gesamteindruck der Stadt kann es
nicht täuschen. Seattle macht uns viel Spaß. Während unseres Besuchs findet das
jährliche Kunst und Musik-Festival Decibel statt. Aus Budgetgründen (und auch,
weil die meisten Künstler den Youtube-Test nicht überstehen) besuchen wir nur
einen Auftritt von einer Elektro-Hip-Hop-Pop-Kombo mit einer tollen
Frontsängerin. Dem und dem billigen amerikanischen Bier geschuldet, wird es ein
mehr als gelungener Abend.
Am kommenden Morgen besorgen
wir uns dann auf dem besagten Markt frische Zutaten für ein angemessenes Essen.
Ein paar Kochtricks später und wir können Regenbogenforelle Müllerin Art,
angebratene Jakobsmuscheln und Shrimps, sowie Ruccolasalat mit Mango und
Orangen und frisches Brot genießen. So gut haben wir alle seit Wochen nicht
gegessen.
Mit einem leckeren
Starbucks-Kaffee (Kommt übrigens aus Seattle), fahren wir wieder nach Kanada
zurück. Bei Walmart decken wir uns mit allem ein, was es in Kanada nur teurer
gibt (Bier, Käse, Wurst, Schokolade, Zahnpasta, Shampoo etc) und kommen trotzdem
unbehelligt über die Grenze. Voller Erfolg!
| A Glimpse of Seattle |
| Public Market Center Seattle |
Wir kommen Donnerstag spät abends
wieder in Vancouver an. Bei meinem Job im Umzugsunternehmen ist es so: Bekommt man keine Zeit für den nächsten Tag gesagt, muss man morgens anrufen. Freitag und Samstag
versuche ich es. Montag und Dienstag gibt es wieder Arbeit. Mittwoch,
Donnerstag und Freitag wieder nicht. Samstag bis Montag ist Thanksgiving
Wochenende. Dank dem Trip nach Seattle ist mein Budget leider ziemlich geschrumpft
und die Aussicht, dass ich bald schon Kanada wieder den Rücken kehren werde
macht das ganze nicht besser. Das sind die Tage, an denen man merkt, dass
Reisen nicht immer lustig ist. Schon gar nicht, wenn man auf das Geld anderer
Leute angewiesen ist.
Und da ich schon in Kanada
bin, will ich natürlich auch noch was vom Land sehen und nicht nur hier
arbeiten. So habe ich schon einen Rückflug von Toronto nach Vancouver gebucht,
ich muss jetzt also nach Toronto, sonst verfällt dieser. Ich fange an zu überlegen,
wie ich möglichst günstig das Land erkunden kann. Fliegen kostet knappe 300$
für eine Strecke. Greyhound-Bus ist ähnlich teurer und braucht wesentlich
länger – Eine Strecke ca. 2,5 Tage. Was bleibt da noch? Mitfahrzentralen gibt es
nicht (außer Craigslist, wird aber auch eher sporadisch genutzt).
Als ich Donnerstagmorgen,
nachdem ich erfahren habe, dass ich nicht arbeiten muss so im Wohnzimmer sitze
packt mich die Verzweiflung. So fasse ich eine Kurzschlussentscheidung. Morgen
fahre ich nach Kelowna, suche mir für ein, zwei Wochen einen Job auf den
Weinplantagen. Ab Ende des Monats gibt es wieder mehr Arbeit bei dem
Umzugsunternehmen. Soweit so gut, aber wie komme ich nach Kelowna? Es sind
immerhin 5 Stunden mit dem Auto. Wie wär es denn per Anhalter?
In unserer Bude liegt eine
Karte von Westkanada (Lange Geschichte ganz kurz: Dagelassen von den beiden Kanadierinnen Andrea und
Emily – Mit Andrea habe ich bei Camp Adventure in Deutschland gearbeitet; sie kamen kurz zu
Besuch vorbei und wir haben einen kleinen Ausflug nach Whistler gemacht!).
Mit der
Karte, Stift und Pappschild bewaffnet fahre ich um 9 Uhr morgens los. Erst
einmal im Skytrain bis nach Surrey, von dort mit dem Bus bis zu einer
Highwayauffahrt – Laut dem „Hitchhiker’s Guide to Hitchhiking“ die beste
Möglichkeit mit einem Daumen ostwärts aus dem Großraum Vancouver
herauszukommen. Mir gehen tausend Sachen durch den Kopf. Per Anhalter fahren
ist etwas anderes hier als zu Hause, aber ein bisschen Angst habe ich schon.
Mit großen Buchstaben schreibe ich „Hope“ und „Kelowna“ auf mein Schild. Hope
ist laut Karte der nächste größere Ort. Eine halbe Stunde und tausend Autos später
ändere ich mein Schild. Auf ein weißes Blatt schreibe ich nur „Hope“ drauf. Hoffnung.
Ein bisschen bescheuert muss es schon aussehen, wenn da jemand an der Straße
steht mit einem Schild, auf dem Hoffnung steht. Der Gedanke bringt mich zum
grinsen. So müssen sich also die ganzen Obdachlosen fühlen. Eine weitere halbe
Stunde später passiert immer noch nichts. Immer wieder spiele ich mit dem
Gedanken aufzugeben.
„Hey kid, do you need a lift?” Auf
dem Parkplatz nebenan fragt mich ein etwa Vierzigjähriger, ob ich mit ihm
mitfahren will. Er will nur bis Mission, ca. 50km weiter. Ich nehme dankend an
und unterhalte mich mit ihm während der Fahrt. Er ist selbst früher viel per
Anhalter gefahren und versteht meine Situation gut. Nach einer halben Stunde
hält er am Highway an und ich klettere aus dem Pickup. Er gibt mir sogar seine
Visitenkarte, sollte ich von hier nicht weiter kommen. Jetzt stehe ich
tatsächlich auf dem Seitenstreifen eines Highways. Ich halte mein Schild hoch
und denke über tausend Dinge nach. Von hier komme ich definitiv nicht mehr ohne
Hilfe zurück. Außerdem ist es ein verdammter Highway, es ist verdammt
gefährlich was ich hier mache. Was sind das für Leute die mich mitnehmen?
Sollte ich mir über Kidnapping Gedanken machen?
Nach einer Stunde warten
(und noch einmal guten tausend Autos) hält ein weißer Pickup an. Ein junger
Mann, auch ehemaliger Anhalter, bringt mich ein gutes Stück weiter - bis nach
Hope. Es ist mittlerweile 15 Uhr. Ich schöpfe – haha – Hoffnung: (was bleibt
mir auch übrig – worauf hab ich mich hier eigentlich eingelassen!?).
Als er mich in Hope
rauswirft, setze ich mich kurz ins Gras, esse mein letztes Sandwich und trinke
ein bisschen Wasser. Die Autos rasen vorbei, es ist sonnig und die Aussicht ist
jetzt schon wunderschön. Es riecht nach Nadelwäldern. Sobald man aus Vancouver rauskommt sind überall Berge,
Nadelbäume und es sieht nach Kanada aus. Hinter mir steht nun auf einem großen
freundlichen Schild „Hope“. Nettes Motto für mein kleines Erlebnis hier. Endlich
bin ich wieder unterwegs.
![]() |
| HOPE |
Ich stehe sage und schreibe
10 Minuten bis zu meinem nächsten Ride am Seitenstreifen. Eine serbische
Masterstudentin aus Edmonton hält an. Ihr Ziel ist eigentlich das südlich von
Kelowna gelegene Pentincton, aber sie ändert kurzerhand ihre Route und fährt
über den nördlichen Highway und direkt über Kelowna. Ich kann mein Glück kaum
fassen. Draußen bleibt die Landschaft vielfältig. Berge heben und senken sich,
zwischen den vielen grünen Nadelbäumen setzen sich Tupfer aus gelben und roten
Bäumen, felsige Abschnitte, schneebedeckte Gipfel. Jeder Hügel sieht
unwirklicher aus als der vorherige. Gerodete Wälder, Flüsse, als Familienvans
getarnte Polizeifahrzeuge. Endlich Kanada.
Wir reden viel über Europa,
Kanada, Studium und Reisen. Sie nimmt das Jahr Auszeit und hat den
abgefahrensten Job, von dem ich bisher gehört habe. Sie ist Kellnerin in einem
Ölfeld, weit im Norden. Nur Männer, sie und sie verkauft Alkohol. Es scheint
sich zu lohnen. Für das halbe Jahr rechnet sie mit 100.000$.
Trancemusik, extremer Metal,
sowie 60s Lovesongs kommen aus ihrem Radio. Es ist völlig unwirklich. Ein
Rosenkranz hängt am Spiegel. „Are you catholic?“ Sie lacht und verneint. Sie
ist unreligiös, der Rosenkranz ist ihre Diebstahlsicherung, sowie gedacht um einen guten
Eindruck zu machen wenn sie von einem Polizist angehalten wird. Zwei Stunden
später kommen wir in Kelowna an. Wir tauschen noch kurz Facebookdaten aus und dann mache
ich mich zu Fuß auf den Weg zu meinem Hostel.
Die 30$ für das Hostel sind
nach den 2,50$ für den Skytrain meine erste und letzte Ausgabe für den Tag. Ich
fühle mich unglaublich gut, endlich mal wieder ein (kleines) Abenteuer. Im
Hostel lerne ich ein paar Jungs aus Vancouver kennen, die für das lange
Wochenende in Kelowna sind. Zusammen mit ihnen fahre ich am nächsten Tag auf
ein paar Weingüter um Touren und Weinproben zu machen, aber vor allem (für
mich) um nach Jobs zu schauen.
| Weingut. Aber kein Wein. Offensichtlich. |
| Okanagan Valley |
| Okanagan Valley |
| Floating Bridge |
| Okanagan Lake |
Das ganze läuft aber dann leider nicht gut. Es
wäre ja auch zu schön um wahr zu sein gewesen. Jobs mit der Möglichkeit zur
Übernachtung auf der Farm gibt es nicht mehr. Diese Crews sind längst
zusammengestellt. Hat man seinen eigenen Wagen und eine eigene Unterkunft kann
man jedoch jederzeit aushelfen. Nunja. Meine Enttäuschung ist zwar groß, aber
insgeheim bin ich doch froh, eine gute Ausrede für mich zu haben, nicht hier
auf einer Farm zu bleiben.
Wir gehen noch wandern und
spielen im Park Frisbee. Die Okanagan-Valley ist unglaublich schön und Kelowna
ist ein gepflegtes Touristenparadies. Am nächsten Tag nehmen mich die drei
Jungs mit nach Vancouver zurück. Trotz allem ein tolles Wochenende.
Leider stehe ich jetzt
wieder vor der gleichen Situation wie vor dem Wochenende. Wenn ich morgen früh
wieder anrufe und keinen Job bekomme, muss ich mir definitiv was einfallen
lassen. Die Uhr tickt. Und das nervt. Das nervt gewaltig!


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