Freitag, 9. November 2012

Mostly Working


Vancouver. Montag früh rufe ich wieder wie gewohnt bei dem Umzugsunternehmen an. In der Erwartung liegen zu bleiben, mache ich nicht einmal das Licht an. „Kannst du in einer halben Stunde hier sein?“ fragt der Dispatcher Mike in gewohnt gehetzten und abgehackten Sätzen. Challenge accepted. Licht an, schnell fertig machen, aufs Fahrrad steigen und ab durch den kalten Morgen. Ich friere an den Fingern und mein Atem fügt sich zu dichtem Nebel. Rammstein läuft auf meinem Mp3-Player, genau das was ich morgens brauche. Ich fahre dem südlichen Teil der Cambie Street runter, muss kurz an der Abzweigung zu Marine Drive an der Ampel halten, dann über die Fußgänger- und Skytrainbrücke über den Fraser River nach Richmond. Es dämmert. Am Horizont sieht man den Flughafen und das River Rock Casino leuchten. 29 Minuten später stehe ich auf dem Hof. Endlich wieder arbeiten. Morgens kommt die Belegschaft noch auf einen kurzen Plausch im Pausenraum zusammen. Mike begrüßt mich in seinem hässlichsten deutschen Akzent „Ah, se Tcherman is heer.“ Ich antworte „Na Michael, wie geht’s?“. Dann setze ich mich dazu und lausche gespannt der etwas holprigen Diskussion über die Existenz von Gott. Nun gut. Das schöne ist, dass ich ab der Minute bezahlt werde, zu der ich gerufen werde und niemals unter 4 Stunden bezahlt werde. Sprich jeder Tag, für den ich gerufen werde ist schon einmal mindestens 60 Dollar. Heute wird es sogar mehr als das Doppelte.


Und plötzlich läuft es. In der Woche nach Kelowna bekomme ich fast 50 Stunden, in der zweiten Woche sogar noch ein paar mehr. Ich fahre mit verschiedenen Fahrern und Crews von 2-25 Mann zu den unterschiedlichsten Orten. Der Kundenkreis ist enorm groß und vielfältig. Simon Fraser University (SFU) und University of British Columbia (UBC) gehören zu den Vertragskunden und werden daher entsprechend oft angefahren. Aber wir ziehen auch eine Anwaltskanzelei in einem dreistöckigen Maisonett-Büro in Downtown um, erledigen Jobs auf Filmsets von Fringe und Supernatural, sowie natürlich viele Jobs in Häusern von Privatleuten; entweder bezahlt von Versicherungen bzw. der kanadischen Regierung oder es sind halt jene mit entsprechender Portokasse. Es ist kein preiswertes Unternehmen. Beeindruckend war ein Haus mit knappen 3000 m² Wohnfläche im Schicki-Micki-Bezirk West Vancouver. Hier lagen mal eben ungelogen 7 Ipads in einem Zimmer rum; Gerüchten zufolge haben auch Leute am ersten Tag zwei davon geschenkt bekommen, da sie jeweils einen Sprung hatten. Außerdem lagen Kreditkarten und haufenweise Elektronik rum; ich trage mindestens 10 Fernseher und was man eben sonst so noch auf 3000 m² verteilen kann. Der obligatorische Pool im Garten ist kleiner als der im Keller. Die kleine künstliche Lagune neben der Sauna macht das ganze recht wohnlich. Außerdem ist ein netter Tennisplatz auf dem Anwesen. Und die Katzen haben ihre eigene Wohnung, direkt unter der von der Nanny. Übrigens ist es fast üblich Umzugshelfern Trinkgeld zu geben. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass es nach dem 14 Stunden Tag nur einen goldenen Händedruck gab.
West Vancouver ist es an sich auch schon einmal Wert anzusehen. Neben besagten Megavillen gehört es nämlich zu den schönsten Küstenlandschaften, die ich bisher gesehen hab. In einer kleinen Bucht liegt eine Insel. Dazwischen schaukeln weiße Yachten in der Marina. Traumhaft. Leider kann man aus einem fahrenden Umzugslaster keine guten Bilder machen.

Also gibt es nochmal ein Bild von Vancouver.
So komme ich die nächsten paar Wochen gut in der Region um Vancouver herum. Ich sehe nicht nur die Landschaft und die verschiedenen Städte, sondern bekomme auch einen guten Einblick in die kanadische bzw. nordamerikanische Kultur. Bei Leuten zu Hause, in verschiedenen Büros und Lagerhallen und bei meinen Kollegen. Tim Horton’s Kaffee, Minderheiten, Eishockey. Es gibt großes Interesse bei allen Beteiligten an meinen Plänen und an Deutschland. Als mein Mitbewohner Jannik auch anfängt sind wir nur noch „se tchermans“. Wir passen hervorragend hier rein, wir sind pünktlich und arbeiten schnell und gezielt. Sehr deutsch eben. Lustig, da ich nie von mir gedacht hätte in dieses Klischee zu passen. Innerhalb kürzester Zeit arbeiten wir uns auf der Anrufliste des Unternehmens nach oben vor. Wir kriegen so viel Lob und Anerkennung, dass es schon fast unangenehm wird. Am Ende stehe ich direkt hinter einem Gewerkschaftsmitglied, das schon seit vier Jahren in der Firma arbeitet.

Der neue Status gibt mir nun viele Jobs. Die Fahrer können selbst entscheiden, wen sie in ihrer Crew wollen, oder wen eben nicht. Bei einem Fahrer wollen keine erfahrenen Mitarbeiter mitfahren. Es gab ein paar Querelen wegen Trinkgeldern und nicht bezahlten Stunden. Das kommt uns beiden gerade zu Gute und so kriegen wir für ein paar Tage alle Jobs mit ihm.

Im Endeffekt ist mal wieder alles bestens gelaufen. Den Job kann ich übrigens wärmstens empfehlen. Gute Bezahlung, viel Abwechslung, Work-Out, zum Großteil gute Kollegen. Ich gebe gerne Namen und Telefonnummer auf Anfrage raus. Nerven tut nur die langsame Eingewöhnungsphase und nicht vorhersehbare Nachfrageeinbrüche.

Natürlich ist das nicht alles, was ich in Vancouver mache. Aber ich bin eben, wie gesagt, fast nur am Arbeiten. Nennenswert wäre da noch der Gig der großartigen Band Bombay Bicycle Club.


Und mein kurzer Ausflug in den Lynn Valley Canyon in North Vancouver (Sehr zu empfehlen).

Hängebrücke über den Lynn Valley Canyon
Mein Schatten und ein gelbes Ahornblatt auf einem Felsen.
 Außerdem noch vom Autor zu empfehlen:
- Vancouver Art Gallery, viele lokale Künstler. Leider extrem teuer, außer, man lernt Leute kennen, die einen kostenlos reinbringen :-).
- Halloween im Commodore Ballroom. Mit den Türstehern ist nicht zu spaßen, Jannik.
- Hallenfußball in einem der vielen Community Center, und trotz zweier linker Füße einfach mal der Beste sein.
- Lacrosse bei den Vancouver Barbarians und einfach mal der Schlechteste sein. Trotzdem mitspielen.
- Cloud Atlas zwei Wochen vor Kinostart in Deutschland anschauen! Super Film übrigens!

Damit ihr nicht vergesst, wie ich aussehe. Übrigens, kurze Hose im November. Auch das ist hier möglich!



1 Kommentar:

  1. Nick,
    I translated your post into English and read all of it. Very interesting! I'm glad you found work after Kelowna, and that you made it to the top by being super-German! ;-) It was nice meeting you. Keep up the blog and all the best with your travels!
    Reza

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